Ganz normale Power-Frauen mit Lust auf Abenteuer

Ganz normale Power-Frauen mit Lust auf Abenteuer

Dürfen wir vorstellen: Sie sind nicht berühmt. Sie erscheinen auch nicht auf Titelblättern, doch jede von ihnen hätte einen eigenen Zeitungsartikel verdient. Wie die meisten von uns führen sie ein ganz normales Leben. Doch das Wort Routine existiert nicht in ihrem Wortschatz. Nach der Arbeit und abseits des Alltags erobern sie die Welt, in ihrer eigenen Disziplin und auch ganz eigenen Wegen.

Mit Sicherheit kennt jede*r von euch eine Frau, auf welche diese Beschreibung zutrifft. Sie ist zurückhaltend, wenn es darum geht, über ihre Errungenschaften zu sprechen. Doch wenn sie loslegt, dann hinterlässt sie pure Bewunderung für ihre Stärke, Ausdauer und unglaubliche Leidenschaft. Dürfen wir vorstellen – dies sind ein paar der Frauen, die uns inspirieren.

1. Anna – Die Wildwasserkajakerin

Wenn Anna ihren Arztkittel nach ihrer Krankenhausschicht an die Garderobe hängt, dann verwandelt sie sich in die Wildwasserkämpferin. Kalte Jahreszeiten und winterliche Temperaturen schrecken sie nicht ab. Kajakfahren in den Bergen ist für sie mehr als nur eine Freizeitaktivtität oder ein Adrenalinkick, es ist ein Lifestyle.

Alles ordnet sich ihrer Leidenschaft unter. Hier hat sie ihre Freunde gefunden und entdeckt neue Orte. Heute erntet sie die Früchte von jahrelangem Training, denn Annas Anfangszeit als Kajakerin war alles andere als rosig. Sie glich mehr einem Albtraum und mehr als einmal hat sie über das Aufgeben nachgedacht. Warum sie es nicht wirklich getan hat und sich stattdessen eine Sportart an Land ausgesucht hat? „Das muss mein Dickkopf gewesen sein“, vermutet sie.

Anna beim Kajakfahren im Wildwasser

© Tomasz Jakubiec

Mit den Jahren hat Anna nicht nur sich, sondern auch den Sport weiterentwickelt. Sie organisiert Kajakunterricht und hat ihren eigenen YouTube-Kanal eröffnet. Dort gibt sie Ratschläge, wie jede*r mit dem Kajakfahren in den Bergen beginnen kann, gibt persönliche Einblicke, wie sie selbst im Swimmingpool für die nächste Tour trainiert und ermuntert die Zuschauer*innen, beim nächsten Städtetrip die Stadt doch mal aus der Flussperspektive zu entdecken.

„Ich liebe es, im Winter Kajak fahren zu gehen. Es ist nicht nur eine tolle Möglichkeit, aktiv zu bleiben, es bringt mich auch zu Plätzen ungestörter Ruhe“. Anna möchte weiterhin ihre Skills ausbauen und insbesondere das Interesse von Frauen für diesen Sport wecken.

2. Das Softball-Team Hrabiny

Wer dem Softball-Team Hrabiny seit dem Beginn gefolgt ist, hätte wahrscheinlich nicht vermutet, dass sie mal solchen Erfolg haben würden. Man könnte meinen, es wäre eine zusammengewürfelte Mädelstruppe, die sich 2013 gefunden hat, um in den Nischensport Softball einzusteigen. Jede von ihnen kommt aus einem anderen Umfeld und so finden sich unter ihnen eine Tierphysiotherapeutin, eine Oberstleutnantin, eine Programmiererin und eine Radiojournalistin. Heute zählt das Team 20 Spielerinnen.

Der noble Name ihres Teams (Hrabiny ist polnisch für „Gräfinnen“) berechtigt sie jedoch zu keiner Zeit, tatenlos zuzusehen, ganz im Gegenteil. Und so schnappten sie sich Harken und Schaufel, säten Gras und zogen Begrenzungslinien, um auf einem verlassenen Spielfeld trainieren zu können.

Auch die in dieser Disziplin üblichen Prellungen, ausgekugelten Finger und abgebrochenen Zähne erfüllen nicht direkt die Definition einer edlen Gräfin. Schließlich fliegt ein Softball schonmal mit bis zu 100 km/h durch die Luft. Doch ihr Enthusiasmus, ihre harte Arbeit und ihr Teamspirit verdienen höchste Anerkennung. Nach langer Zeit des Trainings kamen sie in die erste Liga. Erfahrenere Mannschaften erteilten den Mädchen aus Wrocław eine bittere Lektion. In ihrer ersten Saison gewannen sie kein einziges Spiel.

Das gesamte Softball-Team Hrabiny

© Hrabiny Sofball Wroclaw

Doch sie haben aus ihren Misserfolgen gelernt und 2016 schafften sie schließlich den Durchbruch: Das Team gewann den ersten polnischen Meistertitel. Die nächste Saison brachte der Mannschaft einen Doppelerfolg: die polnische Meisterschaft und den Gewinn des polnischen Pokals. Dieser Erfolg ebnete ihnen den Weg, um das Land bei der Europameisterschaft zu vertreten.

Ganz Polen liebt Hrabiny. Für ihre Beharrlichkeit, ihre harte Arbeit und ihren Einfallsreichtum. Sie legen selbst Hand an, finanzieren sich aus eigenen Mitteln, organisieren Veranstaltungen und Spendenaktionen. Alle Einnahmen fließen zurück in die Entwicklung und Förderung des Softballs in Polen.

3. Izabella – Die Ultraläuferin

„Ich laufe gerne. Ich laufe lange Distanzen. Aber das machen doch viele Leute.“ So spricht Izabella über ihre Leidenschaft. Es ist eine sehr bescheidene Aussage in Anbetracht ihrer Leistungen. Iza ist bereits so viele Bergmarathons gelaufen, dass sie eine eigene „Top“-Liste hat: „Die längste Strecke“ – der Łemkowyna Ultra-Trail (150 km). Der schönste und gebirgigste Trek – der Matterhorn-Ultraks. In der Kategorie „Ungewöhnlichste Route“ gewinnt der Marathon Ladakh. Bevor es bei diesem an den Start geht, sind mehrere Tage Akklimatisierung erforderlich, denn der Start liegt auf stolzen 3500 m über dem Meeresspiegel.

Was noch beeindruckender ist: Izabellas Ergebnisse in dieser Disziplin liegen nur knapp unter denen von Profisportler*innen. Nur, dass Iza im Gegensatz zu den Profis täglich 8 Stunden im Büro verbringt.

Izabella beim Ultralauf

© Iza Gajewska

Es ist nicht schwer zu erraten, dass die Berge ihr Zuhause sind. Iza kann sich mit Expeditionen zum Aconcagua, nach Marokko, Thailand, Vietnam und vielen anderen Orten rühmen. Nichts reicht allerdings an den Himalaya heran, ihr am meisten geliebter Ort auf der Erde, wohin sie immer wieder gerne zurückkehrt. Hier findet sie ihren Frieden, ist umgeben von unberührter Natur und freundlichen Menschen.

Zusätzlich verbreitet Iza ihre Leidenschaft und Liebe für diese Tätigkeit in zahlreichen Publikationen, die durch ihre wundervolle Fotografie zum Leben erweckt werden.

4. Maja & Joanna – Die Mountainbikerinnen

Maja steckt immer voller Energie. Sie läuft entweder im nahen Wald oder erobert MTB-Trails. Das Fahrradfahren erweckt die Löwin in ihr – die Downhill-Löwin. Sie erinnert sich heute lachend daran, dass die Anfänge nicht einfach waren, obwohl sie sich das teilweise selbst zuzuschreiben hat.

Ihr erster Kontakt mit Enduro-Mountainbiking war ziemlich gewagt – sie verlor fast ihre Zähne, bekam einen Platten und musste das Fahrrad für den Rest der Strecke schieben. Danach entschied sie sich für einen Enduro-Kurs, um die unangenehmen Auswirkungen von Unerfahrenheit und mangelnder Technik zu vermeiden. Es folgte ein Sprung, bei dem sie das Bewusstsein verlor.

Auf den gleichen Trails treffen wir auch Majas Freundin Joanna. Sie kommen beide aus derselben Stadt. Joanna ist berufstätig und Mutter von zwei Kindern. Aber sie lässt es nicht zu, dass die tägliche Routine ihr Leben beherrscht. Bescheiden gibt sie zu, dass sie „ziemlich viel in den Bergen fährt“. Übersetzt heißt das: An den Wochenenden sieht man sie nicht zu Hause, selbst im Winter. Denn für sie sind weder das Wetter noch der Nachwuchs eine Ausrede.

Maja beim Mountainbiking

© Maja Łobodziec

Joanna auf dem MTB

© Joanna Sobieralska

Sie nimmt regelmäßig an Enduro-Wettbewerben teil, und veröffentlicht auf ihrem Blog „Motherbiker“ Geschichten übers Radfahren und Berichte ihrer Reisen – mit und ohne Kinder.

Die ganze Familie hat sie mit ihrem Fahrradenthusiasmus angesteckt. Ihre Söhne (8 und 11 Jahre alt) feilen bei regelmäßigen Trips mit den Eltern und beim Fahrradtraining mit anderen Kindern an ihren Fähigkeiten. Um sich die Freude an den Fahrradausflügen nicht von den Bergpassagen vermiesen zu lassen, haben Joanna und ihr Mann einen cleveren Trick angewandt. Sie verwenden für die Bergauffahrten ein flexibles und speziell aus den USA importiertes Seil. Dabei handelt es sich um ein extrem leichtes, aus militärischem Bungee-Seil hergestelltes Abschleppseil. Ursprünglich wurde es dafür verwendet, die Flugzeuge während der Landung auf dem Flugzeugträger zu stoppen. Heute unterstützt es die Familie dabei, längere Trips zu unternehmen und in entferntere Ecken zu gelangen.

5. Cecile – Bike-Touring

Cecile hat so viele Hobbies auf ihrer Liste, dass sich diese leicht auf mehrere Leben aufteilen ließen. Sie unterrichtet Kinder in Musik, Mathematik und Rechtschreibung. Außerdem töpfert Cecile und baut eigenes Gemüse an. Sie hat es auch immer genossen, im Freien zu sein und mit ihren Kindern und ihrem Hund zu wandern.

Doch vor 8 Jahren fing sie an, Schwierigkeiten beim Gehen zu bekommen. Eine angeborene Hüftdysplasie war die Ursache, die eine komplette Hüftprothese notwendig machte. Nach der Operation musste Cecile lange Spaziergänge streichen. Dies war auch der Moment, an dem sie sich an ihren alten Freund, das Fahrrad, erinnerte.

Als Teenager fuhr sie jeden Tag mit dem Fahrrad zur High School, auch war es selbstverständlich, dass sie ihre ersten Ferien auf dem Fahrrad verbrachte. In den Niederlanden fährt schließlich jeder mit

Cecile auf Bikepacking Reise

© Cecile van Oorschot

dem Rad. Zum Glück war das Radfahren eine schmerzfreie Bewegung für ihre Hüfte. Mit der Zeit wurden ihre Touren immer länger und schließlich beschloss sie 2016, 11 Wochen lang durch Europa zu radeln. Die ersten 3 Wochen reiste sie gemeinsam mit ihrem Sohn, danach ging es fast alleine weiter, denn ihr Hund war im Fahrradanhänger immer mit dabei.

Im Jahr 2018 ging sie dann auf die nächste lange Reise – 4,5 Monate durch Italien und die Balkanhalbinsel. Dort angekommen, stieg sie in den Bus nach Berlin und von dort aus ging es mit dem Fahrrad rund um Dänemark und zurück in die Niederlande. Sie gibt zu, dass es immer schwere Momente während der Touren gibt – vor allem in den Bergen. Manchmal fühlt sie sich ein bisschen einsam, wenn sie unterwegs ist. Aber sie liebt dieses Gefühl der Freiheit, die atemberaubenden Landschaften und netten Menschen, die sie auf ihrem Weg kennenlernen durfte. Sie schätzt alle Erfahrung, die solch ein Lebensstil mit 2 Packtaschen mit sich bringt, Höhen und Tiefen inklusive.

Ab dem 1. März geht Cecile wieder auf große Tour – dieses Mal 7 Monate lang Richtung Zentralasien. Sie hofft, am Ende den Pamir Highway zu erreichen. Und wie auf jeder anderen Reise ist ihr treuer Begleiter Guitalele bei ihr.